Letzte Aktualisierung:
21.09.2017, 08:07 Uhr

Sommerfrische der Kreativen
Die Beliebtheit des Tegernsees als Ferienregion nahm im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr zu. Jüdische & nichtjüdische Gäste, ob Naturfreunde oder Künstler bildeten zusammen ein buntes "Völkchen", das sich offensichtlich über Jahrzehnte gut mit den Einheimischen verstand – brachte es doch ersten wirtschaftlichen Aufschwung ins Tal.

Thomas Mann war mit der Familie hier, seine Frau Katia, geborene Pringsheim, schon als Kind mit ihren Eltern & Geschwistern. Die Mitarbeiter des Satireblattes "Simplicissimus" trafen sich bei Ludwig Thoma. Im Jahr 1929 erwarb Olaf Gulbransson den "Schererhof" am Tegernsee.

Sehr beliebt waren auch die Aufführungen der "volkstümlichen" Ganghofer-Thoma-Bühne in Egern; zu den Besuchern gehörten u. a. Carl Zuckmayer, Fritzi Massary & Ödön von Horváth.

Die friedliche Koexistenz zwischen der Bevölkerung & dem "Künstlervolk" hielt bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933: Es kam zu dem - nicht nur von oben angeordneten - Bruch mit den bis dahin willkommenen jüdischen Mitbürgern & Gästen.

Diese Entwicklung dokumentiert die Ausstellung "Kultur am Abgrund. Jüdisches Leben am Tegernsee 1900 – 1933" im Studienraum des Jüdischen Museums München.

Das Schicksal der Grete Weil
Grete Weil, eine Tochter aus liberal-jüdischem Elternhaus, wuchs auf einem stattlichen Landsitz am See auf und wurde Schriftstellerin. Sie war hier verwurzelt – die Nationalsozialisten haben sie vertrieben. Es war ihre Heimat, auch über die Vertreibung hinaus ...

Sie schrieb einmal:"Rottach-Egern, ein Ort, in dem man jeden Weg kennt, jeden Baum, jede zarte Linie der Berge, jede bunt blühende Wiese, jeden Bauern, der des Weges kommt, jede Bäurin in ihrer schönen Tracht, den Klang der Kirchenglocken. (Es ist) ein Ort, in dem einen jeder kennt. Ein Ort, in dem man wirklich zu Hause ist, wirklich zu Hause, auch dann noch, als über dem Ortsschild ein Transparent mit der Aufschrift hängt: Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr."

Trügerische Idylle
Die Ausstellungsmacher haben Fotos & Erinnerungstexte auch von anderen Literaten wie zum Bespiel von Max Mohr & Bruno Frank zusammengetragen.

Max Mohr besaß einen Bauernhof bei Rottach, der zu einem Künstlertreff wurde: u. a. besuchte ihn hier D.H. Lawrence. In der Ausstellung ist Mohrs Akkordeon zu sehen, ein Exponat, das auf seine Verbundenheit mit der Volkskulturtradition hinweist.

Zu selben Zeit, als Mohr seinen Wohnsitz am Tegernsee nahm, schrieb sein Autorenkollege, Ludwig Thoma, der in Tegernsee Auf der Tuften sein Haus hatte, seine berüchtigten antisemitischen Artikel, die er im Miesbacher Anzeiger veröffentlichte.

Thomas Geliebte Maidi Liebermann war im Verständnis des Dritten Reiches "Halbjüdin"; umso erstaunlicher waren seine Hetztiraden gegen Juden. Doch Thoma bewegte sich damit im weitverbreiteten Konsens seiner Epoche: latenter wie offener Antisemitismus war überall anzutreffen. Die Vorurteile & der Hass bereiteten den Boden für die nur wenige Jahre später einsetzende Verfolgung der Juden - bis in die Vernichtungslager.

Im August 1935 hieß es in einer Bekanntmachung der NSDAP-Kreisleitung Miesbach: Alle am Tegernsee "verweilenden Juden" hätten "binnen 24 Stunden Rottach-Egern zu verlassen und aus den Bayer. Bergen zu verschwinden" ...

Abb:
1) Olaf Gulbranssons "Selbstporträt" (
Museum Tegernsee)
2) Grete Weil, um 1913 - Aus ihrem Fotoalbum (
Monacensia)
3) Stürmer-Archiv im
Stadtarchiv Nürnberg